Mittwoch, 22. Juni 2011

Heute in Spiegel online: Eine Diskussion zu Kubricks Film "a clockwork orange":http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/22901/_wir_fuehlten_das_ist_unser_film.html
Ratter, ratter, ratter, Kubrick war schon immer ein Phänomen für mich. Was ist eigentlich das gemeinsame an den Filmen Stanley Kubricks?
Da wäre einmal die Guckkastenperspektive, ähnlich einer Theaterbühne. Geht diese Perspektive weiter in die Tiefe, dann hat man den "kubrickschen Korridor" (keine Ahnung, wo ich diesen Begriff mal gelesen habe). Denke, ist in vielen seiner Filme zu sehen. Komplexe Filmsprache und schnödes productplacement, Widersprüche sind durchaus erlaubt.
Schwieriger ist es schon, eine gemeinsame inhaltliche Linie auszumachen, die so verschiedene Filme wie 2001, Barry Lyndon, clockwork orange, shining oder eyes wide shut verbindet. Bin aber doch mit der Zeit auf eine Spur gestossen: Das mehr getriebene als willentlich handelnde Individuum in einer zum Abstraktum in die Ferne gerückten Gesellschaft. Diese "Gesellschaft" ist wohl in besonderer Weise im Film 2001 dargestellt, wenn ich Recht habe, ist der Hauptdarsteller hier gleich die Menschheit im Ganzen, zumindestens, wenn man den Schluss mal ausser acht lässt. Es war aber die Diskussion um clockwork orange, die mich noch weiter in diese Richtung hat denken lassen: Hier haben wir Alex und seine Droogs am unteren Ende der gesellschaftlichen Stufenleiter. In Gestalt des Ministers sehen wir aber am Ende dann auch einen Repräsentanten vom scheinbar oberen Ende der Hirarchie, einen von "denen da oben". Dieser strampelt sich aber genauso getrieben und hilflos durch sein Dasein, offensichtlich bemüht, seinen Status zu erhalten, wofür ihm der Fall von Alex gerade recht kommt. Er ist bestenfalls jemand, der listig die Situation zu nutzen weiss, aber sicher niemand, der wirklich ein Souverän seiner Handlungen ist. Dies offenbart sich für mich in seinem übertriebenen gekünstelten Grinsen, mit dem er sich am Ende mit Alex der Presse zeigt. Schon seine ganze Teilnahme am Projekt der Besserung von Strafgefangenen steht im Zeichen seines persönlichen Statuserhaltes, der für ihn ein ebenso notwendiges Problem ist, wie für Alex sein Statuserhalt als Chef seiner Clique. Genauso, wie Alex nun selbst vom Täter zum Opfer wird, dadurch dass er sich gerade nicht in seiner Position behaupten konnte, ist es auch für den Minister denkbar dass ihn der nächstmögliche Anlass von seiner Position wieder hinwegfegt. In Gestalt des anarchistischen Schriftstellers haben wir dann auch gleich den erklärten Gegenspieler des Ministers, der mit seinen publizistischen Möglichkeiten durchaus das Potenzial dazu hat. Alex, nunmehr wehrlos, gerät abwechselnd in die Hände beider, lediglich ein Pingpongball im Dienste der jeweiligen Interessen. So ist es am Ende eigentlich ein Spiel mit den Chancen 50 zu 50, wer die Publicityschlacht gewinnt, in der Alex nur noch als Spielball dient. Es ist der Minister, der den Triumph davon trägt, ebensogut hätte es aber auch der Anarchistenzirkel um den Schriftsteller sein können, es wäre das Ende des Ministers gewesen.
So spielen sich oben wie unten eigentlich die gleichen Mechanismen ab, die Positionen von Über- und Unterlegenheit können sich ständig umkehren und das einzig Beständige in clockwork orange ist lediglich die Gewalt.
Täuschung, Mimikry und Schwindel sind sicherlich weitere Konstanten in der Welt Kubricks. Diese werden etwa angewandt, damit Alex mit seiner Clique überhaupt Einlass bei seinen Gewaltopfern erhält. Seine übriggebliebenen Exfreunde werden später die Polizeiuniform anziehen, ohne dass sich deswegen etwas an ihrer sinnlosen Gewaltbereitschaft geändert hätte (es wird im Hause des Schriftstellers ja von einer gewissen Häufigkeit von Polizeiübergriffen gesprochen, als dieser Alex, zunächst noch als früheren Täter unerkannt, bei sich aufnimmt). In eyes wide shut wird der von Tom Cruise dargestellte Arzt zum Adressaten einer aufwändig inszenierten Täuschung, sehr eindrücklich wird das Thema auch zu Beginn von Barry Lyndon durchexerziert: Der junge Barry verliebt sich, bald gibt es aber einen Nebenbuhler. Dieser ist hässlich, langweilig aber vermögend, also der richtige Mann im Sinne des "richtigen Lebens", der eine Frau in der Gesellschaft zu versorgen weiss. Der Heissporn Barry, voller Liebessehnsucht, duelliert sich mit jenem Nebenbuhler und erschiesst ihn dabei und muss deswegen das Land für immer verlassen. Sobald er sich aus dem Staub gemacht hat, ersteht der Nebenbuhler wieder von den Toten, das Duell war eine Farce, die Pistolen gar nicht mit Kugeln geladen. Alle Beteiligten haben bei der Inszenierung mitgemacht, die Geliebte, der Nebenbuhler, die Adjundanten etc. Am Ende ist Barry, durch seine irrationale Liebessehnsucht zum unkalkulierbaren Risiko für die gesellschaftliche Ordnung geworden, beseitigt, dieselbe wiederhergestellt. Barry selbst ist nun aber auch für den Rest des Lebens von allen Gefühlswallungen geheilt und schlägt sich nunmehr selbst mit List und Tücke zielstrebig duchs Leben und wird so erst erfolgreich.
Eine weitere aufschlussreiche Schlüsselszene ist sicherlich am Beginn von 2001 zu sehen: Die Affen entdecken den Werkzeuggebrauch als Akt der Gewalt! Während der Gewalttätigkeit finden sie heraus, daß sie die herumliegenden Knochen als Prügelwaffe verwenden können und damit dem waffenlosen Gegener überlegen sind. In Zeitlupe sehen wir nun, wie ein Affe einen dieser Knochen in die Luft wirft, beim Herunterfallen wird übergeblendet zu dem im Sinkflug befindlichen Raumschiff, eine jener berühmten Szenen der Filmgeschichte. Kubrick gibt hier in einem Moment eine Interpretation der ganzen Menschheitsgeschichte bis hinein in die Zukunft: Unsere so eindrucksvolle Entwicklung der Technologie ist nichts anderes als eine Fortsetzung jener Totschlägerei der Vormenschenhorden, Kubricks Variante von "Der Krieg ist Vater aller Dinge".
So ist die Gewalt eine Konstante, die sich durch einige seiner Filme zieht, speziell als Kriegsgewalt. Vielleicht, weil sich hier viele Widersprüche zusammenbringen lassen, speziell die absolute Widersinnigkeit des Krieges, wie sie das einzelne Individuum erfährt. Denken wir nur daran, wie sich Barry durch die Wirren der napoleonischen Kriege windet und es bei all seiner List und Intelligenz ein reines Lotteriespiel ist, das ihn diese Zeiten überleben lässt. Was interessiert ihn dabei noch, welche Farbe er gerade trägt. Mit gleichem Recht ist Krieg aber auch ein notwendiges Element der Entwicklung der Menschheit als ganzer, wie oben gesagt. Ohne prügelnde Vormenschenhorden keine menschliche Entwicklung, ohne napoleonische Wirren kein modernes Europa. Immerhin, die Sympathien Kubricks scheinen hier doch mitfühlend beim einzelnen Individuum zu sein.
Gewalt ist nun auch als grundsätzliche Möglichkeit schon vorhanden, also im Leben eines Alex de Large eine verfügbare Option. Ist dieser Alex denn ein böser Mensch? Irgendwie scheint sich diese Frage in dieser absonderlichen Welt gar nicht zu stellen. Man kann ja auch nicht sagen, dass der "geheilte" Alex nun auf einmal gut wäre, er ist nun lediglich hilflos. Als er nun wieder in Freiheit seine Eltern besucht und dort ebenso eine Art Nebenbuhler antreffen muss, nämlich den Untermieter, der sich gleichzeitig als Ersatzsohn eingenistet hat, möchte er auch gegen diesen mit Gewalt vorgehen, nur kann er dies jetzt nicht mehr, der Impuls als solcher ist aber noch vorhanden. Vor seiner Ludovico-Behandlung war Gewalt für ihn eine selbstverständliche Handlungsoption, die er genauso unreflektiert und selbstverständlich anwandte, wie es die Affen in 2001 taten. Es ist hier möglicherweise ein Mangel an Grenzen von aussen her die Ursache, man denke nur an die als reine Karrikaturen dargestellten Eltern.
Insgesamt ist dieser Film derartig ins Surreale überzeichnet, dass solche Deutungen natürlich nur an der Oberfläche kratzen. Die schrägen Schauplätze und vieles andere wurde hier überhaupt nicht in Betracht genommen. Sollte sich aber doch mal jemand hierher verirrt haben, hoffe ich, nicht das Gefühl der Zeitverschwendung hinterlassen zu haben. Demnächst vielleicht mehr oder auch nicht :-)